Schritt für Schritt · Teil 1/3
Wandern an der Amalfi Küste: Wenn der Plan nicht aufgeht
Die Amalfiküste ist berühmt für ihr Licht, ihre Zitronenhaine – und für ihre Treppen. Wer dort wandert, lernt schnell: Auf jede Treppe folgt eine weitere, und danach noch ein paar hundert Stufen mehr. Steile Höhenmeter gehören zum Programm, Tag für Tag.
Ich wusste das vorher. Und ich hatte einen Plan: regelmäßig trainieren, am liebsten am Völkerschlachtdenkmal, wo man hier in Leipzig in kurzer Zeit ordentlich Stufen sammeln kann. Ein realistischer, guter Plan – bis ich krank wurde. Wochen vor der Reise fiel das Training aus, ausgerechnet dann, wenn ich es am meisten gebraucht hätte.
Die Woche vor dem Abflug
Statt trainierter Beine hatte ich vor allem eins: Zweifel. Schaffe ich das überhaupt? Reicht meine Kondition? Und ganz leise, aber hartnäckig, die größere Frage dahinter: Was erwarte ich eigentlich von dieser Reise?
Ich merkte, wie sehr ich mich selbst unter Druck setzte. Als gäbe es eine unsichtbare Vorgabe – tausend Höhenmeter am Tag, keine Pause, kein Nachgeben. Dabei hatte das niemand von mir verlangt außer mir selbst. Die eigentliche Aufgabe vor der Reise war deshalb nicht mehr, meine Wadenmuskulatur zu stärken. Sie war, mit einer unbequemen Frage klarzukommen: Wie gehe ich mit einer Situation um, die ich nicht mehr so vorbereiten kann, wie ich wollte – ohne in Panik zu verfallen?
Das ist ein Muster, das ich aus meiner Praxis gut kenne, nur diesmal saß ich auf der anderen Seite des Schreibtisches: Der Kopf beginnt zu katastrophisieren, sobald der Plan wackelt. Statt „ich passe die Etappen an" heißt es schnell „ich schaffe das nicht". Zwischen diesen beiden Sätzen liegt ein großer Unterschied – und ein bisschen Übung, sich selbst daran zu erinnern.
Ein kleines Ritual vor dem Aufbruch
In dieser Woche griff ich abends öfter zu Motivate, der belebenden Ölmischung aus Pfefferminze, Zimt und Zitrusnoten. Nicht als Lösung für untrainierte Beine – die hätte kein Öl der Welt ersetzt –, sondern als kleiner, bewusster Moment: ein paar Tropfen in die Handflächen, tief einatmen, und mir noch einmal in Ruhe die Frage stellen, worum es bei dieser Wanderung für mich eigentlich gehen sollte. Nicht um eine Bestzeit oder eine bestimmte Zahl an Höhenmetern, sondern darum, überhaupt anzukommen – und mir zu erlauben, unterwegs auch mal langsamer zu gehen oder stehenzubleiben.
Der Duft wurde zu einer Art Anker für diesen Gedanken. Wenn die Zweifel am Abend zu laut wurden, half mir dieses kurze Innehalten, wieder bei mir anzukommen, statt mich in Was-wäre-wenn-Szenarien zu verlieren.
Was ich mitgenommen habe
Am Ende bin ich mit weniger Trainingskilometern in den Beinen losgeflogen, als geplant – aber mit einer klareren Haltung im Kopf. Dass ein Plan nicht aufgeht, heißt nicht, dass die Sache misslingt. Es bedeutet oft nur, dass man sich unterwegs neu entscheiden muss: für das eigene Tempo statt für eine imaginäre Vorgabe.
Wie sich das auf den ersten Etappen an der Amalfiküste tatsächlich angefühlt hat – zwischen Muskelkater, Meerblick und der Frage, wie man am nächsten Morgen wieder aufsteht – davon erzähle ich im zweiten Teil dieser kleinen Serie.
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